Epilog: Was ist das Glasperlenspiel?

Mindestens eine Antwort bin ich euch noch schuldig. Es ist die auf die Frage, die ich bereits ganz am Anfang gestellt und um deren ausführliche Beantwortung ich mich nun also bis ganz zum Schluss gedrückt habe: Was ist eigentlich das Glasperlenspiel? Zu meiner Entlastung sei gesagt, dass diese Frage alles andere als leicht zu beantworten ist. Der Roman gibt nämlich nur bedingt Auskunft über die konkrete Beschaffenheit des Glasperlenspiels. Entsprechende Hinweise muss man sich bei der Lektüre detektivisch zusammensuchen. Ich habe das getan, ‚damit ihr es nicht selbst tun müsst‘ 😉

Über den Ursprung des Glasperlenspiels aus der Musiktheorie hatte ich bereits geschrieben. Aus der studentischen Fingerübung entwickelte sich – wie in der Einleitung nachzulesen – eine „Zeichen- und Formelsprache“, die mit der Zeit immer mehr Kunst- und Wissenschaftsformen zu einer „Universalsprache“ zusammenführte (ein Schelm, wer hier den Traum der Frühromantiker von einer „progressiven Universalpoesie“ wiedererkennt 🙂 ). Dieses „Spiel der Spiele“ kombiniert „nach musikalischen oder mathematischen Regeln“ Formeln, Themen und Motive aus den unterschiedlichsten Bereichen und ordnet sie nach dem Willen des Glasperlenspielers. Josef Knecht nennt es „eine universale Sprache und Methode, um alle geistigen und künstlerischen Werte und Begriffe auszudrücken und auf ein gemeinsames Maß zu bringen.“

Die Technik des Glasperlenspiels baut also im Wesentlichen auf Analogien, die nach künstlerischen Prinzipien ausgeführt werden. Als Beispiele werden das Thema einer klassischen Fuge, eine astronomische Konstellation oder die Formel eines Naturgesetzes genannt. Diese ganz unterschiedlichen Elemente treten zueinander in Beziehung, Zusammenhänge sollen sichtbar, erlebbar werden. Dabei betritt das Spiel die Gebiete der Esoterik und Spiritualität. Josef versteht es in seiner Studienzeit demgemäß als Weg ins „Innerste der Welt“, wie ich hier bereits erwähnte. Man könnte das Glasperlenspiel also als eine übergreifende Erkenntnisform begreifen, die symbolische Beziehungen zwischen den ‚Dingen‘ herstellt.

Dennoch ist es – laut Thomas von der Trave – kein Instrument der Philosophie oder gar der Religion. Das Spiel sei „eine eigene Disziplin und im Charakter am meisten der Kunst verwandt“, es sei „eine Kunst sui generis“. Ich denke, man kann sich das am Beispiel des Ausdruckstanzes vor Augen führen, der nach 1900 zu einer eigenständigen Kunstform wurde und nicht mehr an äußere Zwecke – etwa den der Unterhaltung – gebunden war. (Randnotiz: Wenn ihr euch für Ausdruckstanz interessiert, schaut euch mal die Schlussszene des Romans an 😉 ) Wie andere Kunstformen auch besitzt das Glasperlenspiel einen Stoffkanon, der beständig erweitert wird – in Waldzell existiert zu diesem Zweck ein Archiv, in das auf Antrag neue Stoffe aufgenommen werden können. Außerdem gibt es unterschiedliche Spielarten – wie das „formale“ und das „psychologische Spiel“. Letzteres legt besonderen Wert auf die Meditation und soll durch diese „zum Erlebnis des Vollkommenen und Göttlichen“ führen. Das Ziel ist stets das Stiften von „Einheit und Harmonie“.

Den Höhepunkt des Jahres – sozusagen die Salzburger Festspielwochen von Kastalien – stellt das „Jahresspiel“ dar. Es wird vom Glasperlenspiel-Meister vorbereitet und durchgeführt. Am Anfang des achten Kapitels gibt es eine ungefähre Schilderung des Ablaufs: Der Magister Ludi eröffnet das Spiel mit „rituellen Gebärden“ und schreibt Zeichen auf eine „kleine Tafel“, die in die „Spiel-Chiffernschrift“ übersetzt und an eine Wand projiziert werden. Die Anwesenden sprechen die Zeichen nach, Fernmelder übermitteln sie „ins Land und in die Welt hinaus“. (Das ist wohl die einzige Stelle im Buch, an der angedeutet wird, dass technische Gerätschaften am Spiel beteiligt sind.) Am Ende eines Aktes schreibt der Magister eine zusammenfassende Formel auf und leitet über zur anschließenden Meditation, an der sich alle „Gläubigen des Glasperlenspiels“ beteiligen. Es hat etwas von einer Papstmesse mit buddhistischem Einschlag.

Ich fasse zusammen: Das Glasperlenspiel ist eine universelle Kunstform, deren Einübung und Vermittlung einem elitären Zirkel vorbehalten ist (daher auch die übertragene Bezeichnung ‚ein Glasperlenspiel für Eingeweihte‘ für etwas, das sich dem allgemeinen Verständnis entzieht). Es setzt Elemente aus diversen Kunst- und Wissensbereichen symbolisch zueinander in Beziehung und erzeugt im besten Fall ein Erlebnis vollkommener Harmonie. In Hesses utopischer Provinz Kastalien wird es wie eine heilige Messe zelebriert.

Gelbe Lichter
Foto: Michał Grosicki via Unsplash, Lizenz: CC0 Public Domain

Damit endet meine knapp viermonatige Reise durch die Welt Kastaliens. Glückwunsch an alle, die sich ebenfalls durchgebissen haben! Wer Lust hat, kann sich gern in einem Kommentar über Sinn und Unsinn dieser Utopie auslassen 🙂

Ein Gedanke zu „Epilog: Was ist das Glasperlenspiel?“

  1. Lieber Robert,
    ganz lieben Dank, dass du Woche für Woche einen Pfad durch Hesses Glasperlen-Dschungel geschlagen hast …
    Ich nehme die Essenz in dem folgenden Satz mit: (Die Studienzeit als) der Weg in das Innerste der Welt…;-)
    Hochachtung vor diesem Blog,
    danke sagt
    Mia

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