Bemerkenswert

Willkommen auf Kastaliablog

Mein Blog über Hesses „Glasperlenspiel“

Kastalia: Das ist jene Nymphe der griechischen Mythologie, die sich auf der Flucht vor Apollon in eine Quelle nahe Delphi stürzte. Diese ist noch heute nach ihr benannt. Das Wasser der Kastalischen Quelle steht für poetische Inspiration.

Ursprung dieses Blogs ist „Das Glasperlenspiel“, Hermann Hesses berühmtes Spätwerk. „Kastalien“ heißt darin jene Provinz, in der die Glasperlenspieler ausgebildet werden. Hauptsächlicher Inhalt des Romans ist die „Lebensbeschreibung“ des Glasperlenspiel-Meisters Josef Knecht. Was macht dessen Leben so erzählenswert? Wie kann man sich dieses Kastalien vorstellen? Und was ist eigentlich das Glasperlenspiel? Diesen und anderen Fragen werde ich in den nächsten Wochen auf diesem Blog nachgehen.

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„Flammen der Welt“ und die Heiterkeit des Geistes

In meinem fünften Beitrag habe ich euch Josef Knecht und Plinio Designori als Vetreter zweier konträrer Welten vorgestellt – der kastalischen Welt des Geistes und der nichtkastalischen Außenwelt, die in dem für Hesse typischen Dualismus dem Pol der Natur zugeordnet ist.

Designori, der frühere Hospitant an der Eliteschule der Glasperlenspieler, kehrt nach Jahrzehnten nach Kastalien zurück – als Mitglied einer „Regierungskommission zur Kontrolle des kastalischen Haushaltes“. Er erscheint Knecht, dem einstigen Schulfreund und Gegenspieler, völlig verändert in seinem Wesen: An die Stelle der „Angriffslust“ und „Offenheit“ ist eine „Gedrücktheit“ und „Welttraurigkeit“ getreten. So begegnen sich beide unter ganz neuen Vorzeichen, aber mit erstaunlich ähnlichen Sorgen. Während Josef „sein Amt als eine große Behinderung in der Entfaltung seiner besten und fruchtbarsten Fähigkeiten“ empfindet, sieht Plinio sein Vorhaben, in seinem Leben „Kastalien und die Welt zusammen[zu]bringen und [zu] versöhnen“, als „gescheitert“.

Vielleicht seid ihr selbst mit ähnlichen Gegensätzen vertraut: Ihr hättet zum Beispiel gern einen Job, der mehr euren Fähigkeiten entspricht und diese weiterentwickelt, aber eure jetzige Stelle verspricht euch viel mehr Sicherheit; ihr habt etwas studiert, für das ihr euch begeistern konntet, aber ihr könnt dieses Interesse nicht weiterverfolgen, weil Leben und Arbeitsmarkt etwas Anderes von euch verlangen; ihr hattet Ziele und Ideale, doch die Realität hat sie aufgeweicht und euch in Widersprüche verstrickt … Wie schafft ihr es, solche Gegensätze zu vereinen?

Das Leben besteht aus Kompromissen. Plinio hat in der Welt außerhalb Kastaliens unzählige davon eingehen müssen, er war gezwungen sich anzupassen und verzichtete zum Beispiel auf die Meditation. Nach der zwischenzeitlichen Wiederbegegnung mit Josef in Waldzell war er so enttäuscht, dass er dem Glasperlenspiel den Rücken kehrte. Er, der sich als Vermittler zwischen den beiden Welten gesehen hatte, war in keiner von beiden mehr zu Hause. Er flüchtete sich in den Exzess und begann, „alle erreichbaren Betäubungsmittel“ zu konsumieren. Er überwarf sich mit seinem konservativen Vater, schloss sich einer oppositionellen Partei an und gründete seine eigene, bürgerliche Familie – ohne damit glücklich zu werden. Und nun steht er wie ein verlorener Sohn wieder an der Pforte Kastaliens.

Pforte in Blau
Foto: Oumaima Ben Chebtit via Unsplash, Lizenz: CC0 Public Domain

Josef sehnt sich ebenso „nach einer sich öffnenden Pforte“. Er ist über sein Amt hinausgewachsen und hält es nunmehr für Kastaliens „oberste und heiligste Aufgabe (…), dem Lande und der Welt ihr geistiges Fundament zu erhalten“. Gleichzeitig zeigt sein Wunsch, außerhalb der Provinz als Lehrer zu wirken, dass es ihm auch um das weltliche Fundament Kastaliens geht, das schließlich auf Nachwuchs und Versorgung angewiesen ist. Er möchte also genauso zwischen den Welten vermitteln und seine Fähigkeiten dafür einsetzen, dass sich die Gegensätze nicht zu weit voneinander entfernen. Ob er dafür Kompromisse eingehen muss, wird das letzte Kapitel des Buches zeigen.

Die beiden treffen sich von zwei unterschiedlichen Seiten her, doch ergänzen sich dabei wie Yin und Yang. Was der eine nicht hat, findet er beim anderen. Zunächst ist Plinio an der Reihe. Im Gespräch mit dem Magister Ludi wird er als emotional, „verwirrt“, „zögernd“ und „gequält“ beschrieben. Josef dagegen wirkt gelassen, „nicht im mindesten erregt“ und begegnet dem anderen freundlich, aber bestimmt. Er erscheint als der eindeutig Überlegene. Und er zeigt Plinio, was diesem abhanden gekommen ist: das Ideal der Heiterkeit. Hier nun lese ich Hesses Plädoyer für die schönen Künste heraus:

„Diese Heiterkeit ist weder Tändelei noch Selbstgefälligkeit, sie ist höchste Erkenntnis und Liebe, ist Bejahen aller Wirklichkeit, Wachsein am Rand aller Tiefen und Abgründe (…). Sie ist das Geheimnis des Schönen und die eigentliche Substanz jeder Kunst.“

Die Heiterkeit der Kunst soll dabei helfen, die Gegensätze zu überbrücken – oder besser gesagt mit Hesses Worten: „als die Pole einer Einheit“ zu begreifen. Vor allem die Musik hat es Josef bekanntermaßen angetan. Für ihn ist sie „ein heiteres, lächelndes Schreiten und Tanzen mitten durch die Schrecken und Flammen der Welt“. Zum Schluss gibt er seinem Freund folgenden Rat:

„Der Blick in den Sternenhimmel und ein Ohr voll Musik vor dem Zubettgehen, das ist besser als alle deine Schlafmittel.“

Sternenhimmel
Foto: Caleb Woods via Unsplash, Lizenz: CC0 Public Domain

Josef Knecht als Magister Ludi

Ich werde jetzt das Wagnis eingehen, fast 150 Seiten des Buches in zwölf Zeilen zusammenzufassen: Josef Knecht kehrt nach Waldzell zurück, wo er nach dem plötzlichen Tod von Thomas von der Trave zum Glasperlenspiel-Meister ernannt wird. Er findet sich in sein Amt ein, lernt das Private davon zu trennen, so sehr, dass er dieses beinahe vernachlässigt. Er versteht Kastalien vom Innersten her, nimmt dessen Fragilität und Vergänglichkeit wahr. In seinem Freund Fritz Tegularius sieht er den weltfremdesten Typus des kastalischen Menschen verkörpert. Er dagegen verspürt „ein brennendes Verlangen nach Welt, nach Menschen, nach naivem Leben“. Da trifft es sich gut, dass sein alter Schulfreund Plinio Designori wiederkehrt, dem er seinen Plan, das Amt des Glasperlenspiel-Meisters niederzulegen, anvertrauen kann.

So weit die Kurzfassung. Einen Punkt möchte ich herauspicken und zugleich ein Thema fortsetzen: Josef als Lehrer. Er steigt ungewöhnlich früh – „noch kaum vierzig“ – zum Magister Ludi auf, dem Glasperlenspiel-Meister, dessen Amt eine Mischung aus Schul- und Zeremonienmeister darstellt. Aus dem Schüler wird also nun endgültig ein Lehrer. Dabei entdeckt er, dass es ihm leicht fällt, zu lehren – er entwickelt eine „Freude am Erziehen“. Das heißt, er bildet junge Menschen heran; er bringt ihnen nicht nur das Glasperlenspiel bei, sondern leistet noch etwas viel Wichtigeres: Er formt ihren Charakter.

Es geht ihm also nicht einfach nur um Wissensvermittlung und die Herausbildung intellektueller Fähigkeiten; es geht ihm vor allem um die Vervollkommnung der individuellen Kräfte seiner Schüler. Damit verfolgt er ein Bildungsideal, das dem Wilhelm von Humboldts in Teilen gleichkommt (Humboldt wurde übrigens am 22. Juni 1767 geboren :)). Da das Glasperlenspiel seinem Anspruch nach eine universelle Verbindung aus Kunst und Wissenschaft ist, lässt sich hier auch von einer ganzheitlichen Ausbildung reden – mit der Einschränkung, dass eine Art „Weltbürgertum“ in Kastalien unmöglich ist. Humboldt schrieb zum Beispiel:

„Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, ist im höheren Sinn des Wortes Leben.“

Die Kastalier haben nur ihre Welt des Geistes, ihre Bildung muss also einseitig bleiben. Sie enthalten sich bewusst der Erforschung der Weltgeschichte und beteiligen sich nicht an ihr. Sie haben keine politischen, ökonomischen oder gar ökologischen Ziele (wobei ihre Art des Reisens sehr umweltschonend ist, da sie hauptsächlich zu wandern scheinen). Es fehlt ihnen deshalb an Leben, doch bedauern die meisten dies nicht und leiden nicht darunter. Sie vertreten stattdessen das geistige Prinzip.

Anders Josef Knecht: Er spürt, dass ihm etwas fehlt; während seiner Amtszeit wird es ihm immer schmerzlicher bewusst. Seinen Mangel an Leben weiß er nicht anders zu kompensieren als durch die Ausbildung und Erziehung seiner Schüler. Bis ihm ein alter Freund neue Möglichkeiten eröffnet …

Man darf jedoch nicht behaupten, dass Josef sich von Kastalien entfremden würde. Das kastalische Leben birgt andere Ideale, es will die Vervollkommnung auf nichtweltlicher Ebene erreichen, zum Beispiel mithilfe der Meditation. Beim Meditieren kommt Josef auch zu einer Erkenntnis, die das Verhältnis von Meister und Schüler betrifft: Dieses erscheint ihm als „Rundlauf“, als ein „Werben der Weisheit um die Jugend, der Jugend um die Weisheit“ – und dies wiederum als „Symbol Kastaliens“, ja für „das Spiel des Lebens überhaupt“. Der Meister nimmt also nicht schon innerlich Abschied von Kastalien, sondern gelangt im Gegenteil zu einem tieferen Verständnis der Ideale kastalischer Bildung.

In diesem Zusammenhang ist interessant, was Hermann Hesse 1929 in seinem Büchlein „Eine Bibliothek der Weltliteratur“ schrieb:

„Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst.“

„Bildung“ ist für Hesse demnach „ein Streben (…) nach geistiger und seelischer Vervollkommnung“, „ein beglückendes und stärkendes Erweitern unseres Bewußtseins, eine Bereicherung unsrer Lebens- und Glücksmöglichkeiten“. Im Vergleich zu Humboldt betont Hesse also viel stärker den privaten Aspekt von Bildung: Sie erweitert den eigenen Horizont und hilft uns, glücklicher zu werden – solange sie mit einer gewissen Hingabe geschieht, wie dieses berühmte Zitat aus derselben Schrift verdeutlicht:

„Bildung ohne Herz ist eine der schlimmsten Sünden gegen den Geist.“

Und so wird auch verständlich, welche Gefahr Josef Knecht sieht: dass nämlich die Kastalier das Herz vergessen, ihre aktive Hingabe an das geistige Leben, ihre Liebe zur Weisheit. „Selbstgenuß und Selbstlob“ wird er später an ihnen kritisieren. Als Richtschnur hält er einen gesunden Ausgleich zwischen (geistiger) Aktivität und Kontemplation dagegen. Hiermit verweist Hesse auf den alten Gegensatz von Vita activa und Vita contemplativa – aber das ist ein anderes Thema.

Kritische Worte an den Verfasser

Herr Hesse, es bedarf einmal eines ehrlichen Wortes: Sie haben ein überaus tiefsinniges, aber auch äußerst zähes Buch geschrieben. Ja, ich weiß, es hat an die 13 Jahre gedauert, es fertigzustellen. Das merkt man diesem Opus magnum auch an. Und das meine ich nicht allein im positiven Sinne. Je weiter ich voranschreite, taste, wühle, desto mehr fällt mir auf, dass sich Themen wiederholen, ja dass ich an manchen Stellen das Gefühl habe, sie bereits gelesen zu haben.

Rotstift und Buch
Foto: Leticia Roncero via Flickr, Lizenz: CC BY-NC 2.0 (aufgehellt)

Und dann diese immergleiche, langatmige Sprache! Sicher, es gibt noch viel Schlimmeres. Gegen Günter Grass‘ Fabulierkunst sind Ihre Sätze eine Wonne. Doch bei aller Liebe zur Kunst, ich hätte da ein paar Fragen an Sie als Autor:

  1. Was ist das für ein altmodischer Erzähler? Der Roman soll in der Zukunft spielen, klingt aber wie aus dem 19. Jahrhundert. Auch der Stand der Technik hat sich zurückentwickelt. Alles irgendwie Moderne scheint nicht zu existieren: keine Eisenbahn, keine Automobile, keine Telegrafen, lediglich von „Fernmeldern“ ist beiläufig die Rede. Das mag alles der höheren Idee, der abstrakten Wahrheit des ‚Geistes‘ geschuldet sein, wirkt aber fantasielos und unzeitgemäß. Im „Steppenwolf“ haben Sie doch bewiesen, dass der ‚Geist‘ mit der Zeit gehen kann. Warum nicht auch hier?
  2. Wieso sprechen alle Figuren dieselbe angestaubte Sprache? Die charakterlichen Unterschiede der einzelnen Figuren werden in Ihrem Buch immer nur behauptet, aber nie zur Anschauung gebracht. Das liegt vor allem daran, dass sie – wenn sie denn überhaupt zu Wort kommen – stets die gleiche Ausdrucksweise an den Tag legen, und zwar die des Erzählers. Ihr verehrter Zeitgenosse Thomas Mann verstand es meisterlich, seinen Figuren eine eigene Sprache zu geben. Sie, Herr Hesse, hatten daran offenbar kein Interesse.
  3. Wo sind die Frauen? Kastalien erhält seinen ‚Nachwuchs‘ aus den weltlichen Schulen. Es werden jedoch nur Jungen ausgewählt. Mädchen würden schließlich bloß stören! So jedenfalls liest sich ein Satz wie: „die Gefahr, sich an Frauen oder an sportliche Exzesse zu verschwenden, ist [für den kastalischen Studenten] nicht eben groß.“ Liebe und Sport werden also dem Geist geopfert? Nicht ganz: „Da es für die Kastalier keine Ehe gibt, gibt es auch keine auf die Ehe hin gerichtete Liebesmoral.“ Kastaliens Bildungselite muss demnach nicht in Entsagung leben. Fragt sich nur, wo die Frauen zu finden sind. Auf 400 Seiten Lebensbeschreibung kommt sage und schreibe eine (!) Frau vor – die Ehefrau von Plinio Designori. Herr Hesse, Sie und die Frauen: Da war doch was?
  4. Wenn in der Provinz Kastalien der Personenkult verpönt ist, warum wird dann so viel Aufhebens um den Glasperlenspiel-Meister gemacht? Der Chronist versucht diesen Einwand bereits auf der ersten Seite zu entkräften; überzeugt hat er mich damit nicht. Dazu kommt: Für Josef ist der sterbende Alt-Musikmeister „ein Heiliger und Vollendeter“. Dessen letzter Schüler, ein Musikstudent namens Petrus, wird am Tod des Meisters gar irre – Symptome einer übertriebenen Verehrung der Schüler für ihre Lehrer, die in Kastalien nicht selten zu sein scheint. Jugendliche Rebellion? Fehlanzeige. Wo ist der Konflikt mit der Autorität, der einst in Ihren Schülerromanen spürbar war?
  5. Und noch etwas Sprachliches: Nirgendwo habe ich bisher so oft die Wendung „je und je“ gelesen. Sie scheint geradewegs aus der Lutherbibel zu stammen – und genau dort gehört sie auch hin. Ich empfehle Ihnen, Herr Hesse, in diesen Belangen für mehr Abwechslung zu sorgen – nur so als Schreibtipp am Rande.

Im Übrigen lese ich eifrig weiter – so gut es geht. Die Mühe wird auch „je und je“ belohnt, denn es ist eben auch ein tiefsinniges Buch, das Sie geschrieben haben. Ich freue mich schon auf den erneuten Schlagabtausch zwischen Josef und Plinio, fürchte mich aber zugleich vor allzu gestelzter Rhetorik.

Ihr kritischer Leser

Was Josef Knecht im Benediktinerkloster lernt

Am Ende des dritten Kapitels wird Josef in den Orden der Glasperlenspieler aufgenommen. Dies bedeutet „das Ende seiner Freiheit“ und seine „Einreihung in die Hierarchie“ Kastaliens. Vom amtierenden Magister Ludi Thomas von der Trave – ohne Zweifel eine Anspielung auf Thomas Mann – erhält er seinen ersten Auftrag: Er soll im Benediktinerkloster Mariafels außerhalb von Kastalien das Glasperlenspiel lehren. Schon bald wird ihm jedoch klar, dass „man ihn wohl weniger zum Lehren hierhergeschickt habe als zum Lernen“.

Bücherregal
Foto: Roman Kraft via Unsplash, Lizenz: CC0 Public Domain

Josef trifft dort nämlich auf den gelehrten Pater Jakobus, den „bedeutendste(n) Geschichtsschreiber des Benediktinerordens“. Der etwa 60-Jährige bringt seine Tage im Inneren der Klosterbibliothek zu, wo er einen eigenen kleinen Raum mit einem Studiertisch besitzt. Abends spielt er in seinem Zimmer in einem abgelegenen Seitenflügel des Gebäudes auf dem Klavier. Hier kommen die beiden erstmals ins Gespräch.

Jakobus hat keine hohe Meinung von der kastalischen Erziehung. Er unterstellt ihr „Wirklichkeitsferne“, die „Neigung zu spielerischer Abstraktion“ und „den völligen Mangel an geschichtlichem Sinn“:

„Ihr Mathematiker und Glasperlenspieler (…) habt euch eine Weltgeschichte zurechtdestilliert, die bloß noch aus Geistes- und Kunstgeschichte besteht, eure Geschichte ist ohne Blut und Wirklichkeit“.

Und wieder treffen zwei Welten aufeinander – diesmal sind es die zweier unterschiedlicher Orden und deren Auffassungen von Gelehrsamkeit. Die Rollen scheinen klar verteilt: Jakobus, der deutlich Ältere, lehrt den Jüngeren, dass „Geschichte treiben (…) kein Spaß und kein verantwortungsloses Spiel“ ist; Josef bewundert den Pater, akzeptiert ihn als Lehrmeister, ist jedoch gefestigt genug, um mit ihm in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Nach und nach wird der Schüler auch zum Lehrer und weckt bei dem Benediktiner mehr und mehr Verständnis für die kastalische Ordnung – wenngleich der Widerspruch im Umgang mit der Geschichte bestehen bleibt.

Insgesamt an die drei Jahre dauert dieses gegenseitige Lehren und Lernen. Der Pater, über die Struktur Kastaliens und die Ideen des Glasperlenspiels aufgeklärt, bekundet seinen Respekt, rückt jedoch nicht von seiner grundsätzlichen Skepsis ab:

„Ihr seid große Gelehrte und Ästhetiker, ihr Kastalier, ihr messet das Gewicht der Vokale in einem alten Gedicht und setzt seine Formel zu der einer Planetenbahn in Beziehung. Das ist entzückend, aber es ist ein Spiel.“

Die Kastalier stellen für ihn „eine Kaste, einen aparten Züchtungsversuch“ dar; was ihnen fehle, sei ein „wirkliche(s) Wissen vom Menschen“. – Diese Kritik ist, wie schon die von Plinio Designori, keineswegs von der Hand zu weisen. Jedoch wird sie von einem katholischen Kleriker geäußert und ist darum nicht als ein Plädoyer für Weltlichkeit zu verstehen. Josef nimmt sie vielmehr als Ergänzung und Relativierung seines kastalischen Weltbildes auf. Er lernt bei Jakobus den Wert der Geschichtswissenschaft kennen; die Geschichte wird ihm lebendig und – was ihn in seiner persönlichen Entwicklung sicherlich am meisten beeinflusst – sein eigenes Leben wird zu Geschichte.

Wir sind es gewohnt, unsere Gegenwart als geworden und veränderlich zu begreifen. Die Begegnung Josefs mit dem Pater Jakobus bestätigt noch einmal: Die kastalische Elite hat kein solches Bewusstsein. Sie lebt wie in einer Kapsel, „in einer politischen Unschuld und Ahnungslosigkeit“, wie es an einer Stelle im fünften Kapitel heißt. Insbesondere der Kreis der Glasperlenspieler lässt nichts Aktuelles in seine Mitte, was sein „gelehrt-artistische(s) Dasein“ stören würde. Josef erkennt diese ahistorische und apolitische Haltung als Schwäche. Bei Jakobus erfährt er von den historischen Wurzeln Kastaliens und damit auch von seinem eigenen Ort in der Weltgeschichte – an dem er schneller als gedacht die nächste Stufe erreichen wird.

Weltgeheimnis und Lebensläufe – Studieren in Kastalien

Wie ist es, in Kastalien Student zu sein? Es ist anders als bei uns: Erst mal ist Josef Knecht am Ende seiner Schulzeit bereits 24. Dann geht er nicht etwa an eine bestimmte Universität oder Hochschule (die hat er mit Waldzell im Prinzip schon hinter sich), sondern widmet sich seinen selbstgewählten Studien – in seinem Fall heißt das: Er erforscht das Schema eines einfachen Übungsspiels mit all seinen Bestandteilen und Bezügen, eine Aufgabe, die ihn über Jahre hinweg einnimmt. Außerdem lernt er Chinesisch (gut, das machen heute auch viele) und besucht einen Eremiten (das aber wohl eher die wenigsten). Alles, um die Weisheit des Glasperlenspiels zu durchdringen.

Meditation im Grünen
Foto: Mitchell Joyce via Flickr, Lizenz: CC BY-NC 2.0

Ein ausschweifendes Studentenleben? Fehlanzeige. Dennoch genießen die Kastalier in ihrer Studienzeit die für sie größtmögliche Freiheit. Es ist ein eigenverantwortliches Studium, das sie je nach Neigungen und Interessen betreiben dürfen. Sie müssen einzig jedes Semester einen individuellen Studienplan vorlegen; der Besuch von Seminaren ist nicht verpflichtend, er geschieht nach eigenem Ermessen. Darüber hinaus sind sie angehalten, jedes Jahr einen neuen „Lebenslauf“ zu verfassen. Damit ist keine tabellarische Übersicht gemeint, wie wir sie aus Bewerbungsschreiben kennen; es geht noch nicht einmal um die eigene, einmalige Biografie (die in der hierarchischen Ordnung Kastaliens ohnehin eher gering geachtet wird). Die Aufgabe besteht darin, eine fiktive, in eine bestimmte historische Epoche zurückversetzte Selbstbiografie zu schreiben. Grundlage dafür ist die Idee der Wiedergeburt: „allen Lehrern und Schülern war die Vorstellung geläufig, daß ihrer jetzigen Existenz frühere vorangegangen sein könnten, in anderen Körpern, zu andern Zeiten, unter andern Bedingungen.“

Drei solcher Lebensläufe, die Josef Knecht zugeschrieben werden, bekommen wir im Anhang des Buches zu lesen. Werkgeschichtlich sind sie die Überreste von Hesses ursprünglichem Plan. In dem bereits an anderer Stelle zitierten Brief an Rudolf Pannwitz vom Januar 1955 schildert der Autor dieses Vorhaben so:

„Ich dachte mir einen Menschen, der in mehreren Wiedergeburten die großen Epochen der Menschheitsgeschichte miterlebt. Übriggeblieben ist von dieser ursprünglichen Intention, wie Sie sehen, die Reihe der Knechtschen Lebensläufe, die drei historischen und der kastalische.“

Die Lebensbeschreibung Knechts in Kastalien wurde also erst im Entstehungsprozess zum eigentlichen Inhalt des Romans. Die Wiedergeburten fanden als Studienübungen Einzug in die kastalische Welt.

Die drei Lebensläufe sind relativ leicht zu lesen. Obwohl sie in drei sehr unterschiedliche Welten entführen, haben sie ein gemeinsames Thema: das Verhältnis von Meister und Schüler. Sei es der Regenmacher oder der wortkarge indische Eremit: Die weisen Lehrer üben eine magische Anziehungskraft auf die Hauptfiguren aus (was man als Hesse-Leser aus Werken wie „Siddhartha“ kennt). Am interessantesten finde ich jedoch die Erzählung „Der Beichtvater“. Darin begegnen sich Meister und Schüler nämlich nahezu auf Augenhöhe, und zwar in einer Oase, als sie beide, von Selbstzweifeln geplagt, gerade auf dem Weg zum jeweils anderen sind.

Ob die Lebensläufe – wie der Erzähler meint – den „vielleicht wertvollsten Teil“ des Buches bilden, sei dahingestellt. Sie zeigen in jedem Fall, dass der Weg zur Wahrheit für Hesse über die Weisheit von Lehrmeistern führt – und dann über sie hinaus, durch sie hindurch ins eigene Erkennen. Dabei versucht Hesse, uns mit viel west-östlicher Esoterik vertraut zu machen: Siddhartha lehrt, dass Lehren „nichts als Worte“ sind; der „indische Lebenslauf“ des Fürstensohns Dasa führt in einen meditativen Zustand „jenseits der Bilder und Geschichten“ – und der Student Josef Knecht glaubt sich auf dem „Weg ins Innere des Weltgeheimnisses“. Dergleichen würden bei uns allenfalls extrem idealistische Langzeitstudenten von sich behaupten; für die kastalischen Geister jedoch ist das Realität – sie gleichen eben viel mehr dem Nachwuchs einer mönchischen Elite als einer postadoleszenten Studentenclique.

Der Weg zur Wahrheit?

Wie oft habt ihr euch schon gefragt, ob die Theorie, die ihr lernt oder lernen sollt, euch auch selbst etwas angeht? Ich frage mich das mittlerweile ständig, und längst nicht immer finde ich eine positive Antwort. Ich komme eigentlich immer mehr dahin, an Sinn und Wahrheit aller Lehren und Theorien zu zweifeln. Da bin ich wohl in guter Gesellschaft.

Denn gegen Ende des ersten Kapitels, also noch vor seinem Eintreffen in Waldzell, fragt Josef den Musikmeister: „Gibt es denn keine Wahrheit? Gibt es keine echte und gültige Lehre?“ Die Antwort des weisen Lehrers:

„Die ‚Lehre‘, die du begehrst, (…) gibt es nicht. (…) Die Gottheit ist in dir, nicht in den Begriffen und Büchern. Die Wahrheit wird gelebt, nicht doziert.“

Angesichts der extrem weltfremden Gelehrsamkeit Kastaliens erscheint dieses Statement überraschend. In welchem Sinn ist hier ‚Leben‘ gemeint? Ganz sicher spricht der Musikmeister nicht von einem Ausbruch aus dem kastalischen Elfenbeinturm. Ich denke, es geht ihm vielmehr darum, wie und zu welchem Ziel sich ein Schüler Wissen aneignet. Versucht er damit ins Zentrum, zur inneren Vervollkommnung zu gelangen oder verfolgt er einen anderen, äußerlichen Zweck? Wer nach Wahrheit strebt, so müsste die Logik lauten, bewegt sich ins Zentrum. Er hat sie daher nicht außerhalb von sich zu suchen, sondern in seinem eigenen Erleben, Empfinden und Erkennen.

Tautropfen
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Dazu passt auch, dass der Musikmeister Josef (in einem Brief, der im dritten Kapitel zitiert wird) davor warnt, den ‚Sinn‘ für lehrbar zu halten. Er selbst habe seinen Schülern „niemals ein Wort über den ‚Sinn‘ der Musik gesagt“; gebe es einen, bedürfe er seiner nicht. Die Schüler müssen also, wenn überhaupt, selbst herausfinden, worin dieser Sinn besteht. Der Lehrer enthält sich vollkommen bewusst dieser Deutung. Als abschreckendes Beispiel nennt er das Zeitalter der Kriege:

„Mit dem Lehrenwollen des ‚Sinnes‘ haben einst die Geschichtsphilosophen die halbe Weltgeschichte verdorben, das feuilletonistische Zeitalter eingeleitet und eine Menge von vergossenem Blut mitverschuldet.“

Das kann man natürlich auch anders – vor allem weniger verkürzt – sehen (Kann ein Philosoph mitschuld an einem Krieg sein, weil er – wie etwa Hegel – Kriege allgemein gutheißt?). Für die Welt des Romans jedenfalls bleibt festzuhalten, dass der kastalische Geist mit einem tiefen Misstrauen gegen jede Form der philosophischen Sinngebung ausgestattet ist.

Unter diesen Vorzeichen steht also auch das Studium Josef Knechts. Es stellt in erster Linie seinen individuellen Weg zum Glasperlenspiel dar. Wie weit dieser in die intellektuelle Sphäre führt, verdeutlicht die Wiederbegegnung mit Plinio Designori in Waldzell. Der ist inzwischen ‚weltlicher‘ Beamter und hat ehrgeizige politische Ziele, während Josef zu den Eingeweihten des Glasperlenspiels gehört. Die Kluft zwischen den beiden einstigen Freunden ist unüberbrückbar geworden: Plinio kommt dem Kastalier „vergröbert und veräußerlicht“ vor; umgekehrt erscheint Josef dem Gastschüler „hochmütig“ und wie ein „Nurnochgeist“.

Welt und Geist haben sich entfremdet. Wo aber ist die Wahrheit – wenn es sie gibt?

Zwischenspiel über die Meditation

Bevor wir Josef Knecht auf die nächste Stufe – seine Studienzeit – begleiten, möchte ich einmal innehalten und euch an einem Beispiel zeigen, was Hesses Philosophie mit uns zu tun hat.

Durch die Konfrontation mit Plinio Designori gerät Josef nämlich zwischenzeitlich in eine Krise, in der er zwar nicht ernstlich an Kastalien und am Glasperlenspiel zweifelt, wohl aber an seiner Rolle als Verfechter des geistigen Prinzips. Wie so oft sucht er seinen alternden Mentor, den Musikmeister, auf. Der weise Mann greift zu einem Mittel, das den Schüler nachhaltig beeindruckt: Er erzählt ihm eine Begebenheit aus seiner eigenen Studienzeit.

Er sei während seiner Studien zur Geschichte der Sonate ebenfalls in eine Krise geraten. Damals habe er am Wert seiner Forschungen gezweifelt und sich gefragt, „ob sie wirklich mehr seien als ein leeres Spiel für müßige Leute“ und ein „geistig-künstlerischer Ersatz für echtes, gelebtes Leben“ – Zweifel, die jeder kennen dürfte, der schon einmal über einen längeren Zeitraum im Dienst der Wissenschaft in Bibliotheken und Archiven gewühlt hat. Der spätere Musikmeister fängt in dieser Situation an zu fantasieren: Er denkt daran, „als Musikant in die Welt hinauszuziehen“ oder auch „einer beliebigen Truppe in einen beliebigen Krieg zu folgen“. Er stellt fest, dass er sich selbst verloren hat und Hilfe braucht.

Meditation am Meer
Foto: Moyan Brenn via Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Diese Hilfe findet er bei einem Sanskritgelehrten, der ihn wieder an die wichtige Rolle der Meditation erinnert. Der Belehrte gibt zu, er habe fürs Meditieren „keine Zeit gehabt“, er sei „immer zu unlustig und zerstreut oder allzu studienbeflissen und angeregt gewesen“. So sei ihm die „Fähigkeit zu Sammlung und Versenkung“ abhanden gekommen. Man dürfe aber – so warnt er Josef – nicht vergessen, „sich immer wieder vom Aktuellen zu lösen und zu distanzieren“. Kommt euch diese Gefahr auch bekannt vor? Hesses Musikmeister weiß:

„je mehr wir von uns verlangen, oder je mehr unsre jeweilige Aufgabe von uns verlangt, desto mehr sind wir auf die Kraftquelle der Meditation angewiesen“

Um die eigene Mitte nicht zu verlieren, um das Gleichgewicht zu bewahren, braucht es Ruhephasen, Entspannung, Kontemplation. Eben Meditation. Ich gebe zu: Als skeptischer Mensch kann ich mit Meditationsübungen noch nicht so viel anfangen. Zu esoterisch, sagt der kritische Geist in mir. Aber das Bedürfnis, innezuhalten, nichts zu tun, sich zu sammeln kenne ich gut. Ich bin deshalb froh über jede Minute, in der ich meinem Geist Ruhe gönnen kann. Und Meditation ist keine Praxis, die eine bestimmte Weltanschauung oder einen Glauben voraussetzt, sondern ein Mittel der Selbstfindung und -bewahrung, von dem auch Skeptiker einen Vorteil haben können.

Mit der Einsicht, dass Zweifel und Irrwege erlaubt sind, solange man aus ihnen zurückfindet, bewältigt Josef seine Krise. Er zeigt sich den Anfechtungen seines Freundes und Widersachers gewachsen. Die Gegensätze versöhnen sich – vorerst.